31.Wilhelmshaven-RWE

SV Wilhelmshaven - FC Rot-Weiß Erfurt 3:5

Nein, an fünf Tore in einer Halbzeit könne er sich nicht erinnern. Das muss wohl vor meiner Zeit gewesen sein, sagt Ronny Hebestreit, seit über einem Jahrzehnt in Diensten des FC Rot-Weiß. Doch dieses Novum passte zum völlig verrückten Spiel in Wilhelmshaven, das für Erfurt schon verloren schien.

WILHELMSHAVEN. "Wie die Osterhasen" seien sie 45 Minuten lang aufgetreten, gestand Björn Brunnemann. Auch Domi Kumbela ("Das war grottenschlecht.") und Hebestreit ("Wir waren wohl noch beim Spaziergang am Strand.") hatten keine Erklärung für die indiskutable Leistung in der ersten Hälfte. Da schienen die Rot-Weißen eingeschläfert von den äußeren Umständen: Die Sonne strahlte vom blauen Himmel. Eine leichte Brise wehte durchs Jadestadion, in das sich nicht mal 700 Zuschauer verlaufen hatten. Und wären nicht die 80 mitgereisten Erfurter Fans gewesen - ein Urlaubsidyll hätte nicht entspannender sein können.

"Wir waren nicht bei der Sache", gab Trainer Pavel Dotchev zu. Gegen die verbissen um den letzten Strohhalm im Abstiegskampf ringenden Wilhelmshavener ließen seine Akteure jene Zweikampfpräsenz vermissen, die sie zuletzt beim Heimsieg gegen Union Berlin ausgezeichnet hatte. Stets waren die Gastgeber einen Tick schneller am Ball und machten in den direkten Duellen keine Kompromisse. Binnen vier Minuten hatten sie ein 2:0 vorgelegt. Zunächst traf Bury nach einer Ecke (14.) und bestrafte damit die Unsicherheiten in der Erfurter Defensive bei gegnerischen Standards. Dann leistete sich Jörn Nowak, der wie Kumbela nach der 5. Gelben Karte Samstag gegen Leverkusen II zuschauen muss, einen Aussetzer. Der auffällige Kowalczyk bestrafte dies konsequent (18.). Zehn Minuten später scheiterte Mayer zudem per 18-m-Knaller am Querbalken. "Wir konnten froh sein, zur Pause nicht noch höher zurückgelegen zu haben", meinte Dotchev, der sich selbst nach einer halben Stunde ebenfalls korrigierte. Das anfängliche 4-2-3-1-System, in dem so gut wie nichts passte, änderte er in ein 4-4-2 und prompt lief es besser. Wohl auch, weil der Bulgare in der Kabine laut und deutlich geworden war. "Ich habe die Jungs an der Ehre gepackt", sagte er hinterher. Und Hebestreit verriet: "Wir haben uns mit dem Duisburger 3:3 in Jena nochmal Mut gemacht." Der Kapitän war es gleich nach dem Wechsel, der das Signal zur Aufholjagd gab. Eine Ecke von Alex Schnetzler, der mit gefährlichen Standards gefiel, köpfte er zu einem ersten Saisontor ein (52.). "Sicher war der Treffer eine Befreiung für mich, aber noch wichtiger: Es hat der Mannschaft den nötigen Auftrieb gegeben", freute sich der 32-Jährige, der zudem nach hinten gut arbeitete.

Abgesehen von Zimins Lattenknaller (57.) und dessen 3:3 (70.) - erneut nach Standard auf den langen Pfosten - war nun von den Norddeutschen nichts mehr zu sehen. Sie mussten ihrem hohem Anfangstempo Tribut zollen und fielen gegen die sich in einen Rausch spielenden Rot-Weißen von einer Verlegenheit in die andere. Tom Bertram staubte nach einem gehaltenen Brunnemann-Schuss im Stile eines Torjägers ab (60.). Kurz darauf spitzelte Kumbela einen Schnetzler-Freistoß in die Maschen und zeigte sofort auf Physiotherapeut Dirk Ehlert. Dieser hatte dem Kongolesen für dessen zehnten Saisontreffer nämlich ein Abendessen beim Italiener in Aussicht gestellt und darf nun einen Tisch reservieren . . . Innerhalb von 60 Sekunden schraubten Albert Bunjaku nach Brunnemanns schöner Vorarbeit und Daniel Brückner per Solo das Ergebnis auf 5:3 (75.). "Wir können auf diese Aufholjagd stolz sein", meinte "Brunne". Und Hebestreit lobte "die Riesen-Moral" seines Teams, "noch einmal so zurückzukommen". Aber der Routinier erhielt auch Komplimente. "So, wie er aufgetreten ist, stelle ich mir einen Kapitän vor", erklärte der Rot-Weiß-Trainer. Seitdem seine Nummer 11 Klarheit über die Zukunft hätte, würde er "viel befreiter" aufspielen. Ob weitere Tore und starke Leistungen Hebestreits ein Umdenken in seinen sportlichen Planungen bewirken könnten, wollte Dotchev nicht bestätigen. "Ich werde nach ein paar guten Spielen nicht gleich alles umwerfen", so der Coach. Jedoch kategorisch ausschließen wollte er neue Gespräche auch nicht. Dazu wäre Hebestreit, der bereits vereinzelte Anfragen anderer Klubs erhalten hat, "auf alle Fälle" bereit.

"Rot-Weiß ist mein Verein", sagte der Kapitän beim Gang in die Kabine und winkte in Richtung des Gäste-Fanblocks. Tritt er in den noch ausstehenden fünf Partien so auf wie in Wilhelmshaven, wird es schwer, ihn tatsächlich wegzuschicken.


29.04.2007 Von Marco ALLES

Quelle: www.mdr.de



Trainerstimmen

Pavel Dotchev (FC Rot-Weiß Erfurt): "Es war eine verrückte Partie. Die ersten 20 Minuten sind wir nicht ins Spiel gekommen. Wilhelmshaven hat verdient mit 2:0 geführt. Da hatten wir sogar noch Glück. In der Kabine bin ich laut geworden. Nach dem Wechsel haben wir uns gesteigert, Moral gezeigt. Wir haben unser Kombinationsspiel aufgezogen. Insgesamt haben wir verdient gewonnen."

Kai Stissi (Wilhelmshaven): "Wir haben in der ersten Halbzeit aggressiv gespielt, Pressing gespielt. Ich war mit meinem Team zufrieden. Für die erste Halbzeit übernehme ich die Verantwortung, danach nicht mehr. Zur zweiten Halbzeit sage ich nichts."



Statistik

SV Wilhelmshaven: Damerow - Conrad (53. Diamesso), Lekki, Örüm C, Djebi-Zadi - Gilberto, Mayer, Kolm (70. Kryszalowicz) , Kowalczyk - Zimin, Bury (36. Mandel)

FC Rot-Weiß Erfurt: Ratajczak - Pätz, Bertram, Nowak, Schnetzler - Holst, Hebestreit - Brunnemann, Brückner (76. Cornelius), Bunjaku (83. Heller) - Kumbela (88. Ivanov)

Tore: 1:0 Bury (15.), 2:0 Kowalczyk (18.), 2:1 Hebestreit (52.), 2:2 Bertram (60.), 2:3 Kumbela (66.), 3:3 Zimin (70.), 3:4 Bunjaku (73.), 3:5 D. Brückner (74.)

Gelb: Bury, Conrad - Bunjaku, Bertram, Nowak, Kumbela

Zuschauer: 637



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