15.RWE-Schweinfurt

FC Rot-Weiß Erfurt - 1. FC Schweinfurt 5:0

Der Name war Programm gewesen: Schweinfurt 05 ging in Erfurt mit 0:5 unter. Ein unerwartet klarer Erfolg für die Rot-Weißen, den die Fans bejubelten und die Spieler ausgelassen feierten. Nur einer blieb gelassen.
"Ich werde mich nicht an der Schwarzweiß-Malerei beteiligen", sagte der Trainer und bemühte sich, so ernst dreinzublicken, wie es ihm nach einem Kantersieg möglich war.
Typisch René Müller.
Statt Komplimenten ("Ich werde die Mannschaft jetzt nicht über den grünen Klee loben") gab es Kritik ("Selbst nach dem 3:0 hatten wir wieder einen Wackler drin"). Er ist halt ein Perfektionist und nur selten zufriedenzustellen. Zudem weiß Müller um die Gefahren in der "zähen Liga" und betont, "dass wir im bisherigen Saisonverlauf eine Achterbahnfahrt durchgemacht haben".
Das deutliche Resultat bescherte den Rot-Weißen dann auch Hochgefühle wie nach einem Mehrfach-Looping. Der souveräne Sieg wirkte befreiend - für Spieler (Hebestreit: "Wir wollten unbedingt zeigen, dass wir zu Hause noch gewinnen können") und Fans. Diese bedankten sich für den ersten Heimerfolg nach sieben Wochen mit stehenden Ovationen und fühlten sich an den 9. November 2002 erinnert. Fast auf den Tag genau vor einem Jahr gelang den Erfurtern gegen den VfR Aalen zuletzt ein 5:0.




 

Okic blüht endlich wieder auf.

Dabei fing es gar nicht so viel versprechend an. Die Gastgeber, mit den genesenen Laars und Okic und damit zum dritten Mal in Folge mit der gleichen Anfangself, agierten zunächst verhalten. Die Präzision in den Zuspielen fehlte. Zudem hatte Schweinfurt mächtig die Deckung verstärkt und vor Libero Kolinger eine Viererkette aufgebaut. Eine Taktik, die in der ersten halben Stunde aufging. Da brauchte Gäste-Torwart Scherbaum nur Müllers von Kolinger abgefälschten Schuss parieren (20.). Seine Vorderleute dagegen hatten zwei Chancen zum 1:0. Doch Popovic traf den Ball nicht richtig (10.) und Trehkopf (18.) scheiterte an Twardzik.
Effektiver zeigte sich Rot-Weiß. Nach Zedis langem Einwurf und Müllers Kopfball-Verlängerung traf Hebestreit per tollem Direktschuss zum 1:0 in den Winkel. Kurz vor der Pause erhöhte Müller nach Zedis Maßflanke per Kopf und freute sich über sein siebentes Saisontor. Für Schweinfurts Trainer Hans-Jürgen Boysen waren "Schlafmützigkeit" und der "Totalausfall auf der linken Abwehrseite" die Ursachen für den Rückstand. Korrigieren ließen sich die Fehler nicht mehr. Zu konzentriert spielten die Erfurter, verengten geschickt die Räume und lösten brenzlige Situationen spielerisch. Allen voran Okic und Kresin - der Mann des Tages im "kicker". Beide leiteten auch das 3:0 ein, das Hebestreit mit platziertem Kopfball erzielte.
Trotz der folgenden Schwächephase geriet das Team nicht in Gefahr. Es waren die wichtigen Kleinigkeiten, die dem Spiel die Richtung gaben. Behauptete Bälle (Okic), gewonnene Kopfballduelle (Müller), schnörkelloses Zweikampfverhalten (Mees) und vor allem der erfolgreiche Abschluss. Als sich die Schweinfurter nämlich um Ergebniskosmetik bemühten, schlug Rot-Weiß noch zwei Mal zu. Binnen zwei Minuten vollendete Kresin die von Okic glänzend initiierten Konter und löste Jubel im Steigerwaldstadion aus. Erstmals mussten die Fans nicht um die Punkte bangen, sondern konnten die Freudengesänge schon vor dem Abpfiff anstimmen.
Dieser dürfte dann für den Tabellenvorletzten eine Erlösung gewesen sein. Denn sicher nicht nur Trainer Boysen empfand die höchste Saisonniederlage "wie einen Schlag ins Gesicht".




 

Zedi war kaum mit fairen Mitteln zu stoppen.

Trainerstimmen

Boysen (Schweinfurt): "Wir waren heute sehr nette Leute. Die ersten 30 Minuten konnten wir die Partie offenhalten, dann waren wir deutlich unterlegen. Zum Schluss hat meine Elf das Spiel kampflos aufgegeben."

Müller (Erfurt):
"Von mir kommt sofort nach dem Spiel die Forderung an meine Mannschaft, zum Alltag zurückzukehren. Trotz einer sicheren 3:0 Führung haben wir das Spiel zeitweise aus der Hand gegeben."



Statistik

Tore: 1:0 Hebestreit (36.), 2:0 Müller (44.), 3:0 Hebestreit (57.), 4:0 Kressin (82.), 5:0 Kressin (84.)

FC Rot-Weiß Erfurt: Twardzik - Mees, Laars, Traub, Kaiser - Zedi, Kressin (85. Gerke) - Fuchs (76. Neitzel), Hebestreit, Okic - Müller (81. Hopp)

FC Schweinfurt 05: Scherbaum - Kolinger - Beer, Gerber (60. El Barhami) - Nägelein, Kroll (60. Miedl), Shimamura, Trehkopf (46. Boden) - Galuschka, Popovic, Lützler

Schiedsrichter: Steinborn (Sinzig)

Zuschauer: 2.218



Angemerkt: Reife

Zwischen Verdammnis und Heldenverehrung lag nur eine Woche. Eine Wahl der 100 besten Deutschen am Samstag im Steigerwaldstadion hätte sicherlich einige Rot-Weiß-Spieler enthalten, nachdem ihnen nach der Feucht-Partie noch jegliches Können abgesprochen wurde.
Doch Logik und Gerechtigkeit gehören nicht immer zum Fußball. Weil fast allein Ergebnisse über den Gemütszustand auf den Rängen entscheiden. Kein Tor zur Halbzeit gegen Schweinfurt und Pfiffe hätten die Mannschaft in die Kabine begleitet. Doch nach zwei Treffern kurz vor der Pause herrschte allgemeine Zufriedenheit - unabhängig vom Niveau des 45-minütigen Auftritts vorher.
Dass das Gesamturteil aber ohne weiteres "gut" lauten kann, lag an der Steigerung nach dem Wechsel. Da wurde deutlich, wie effektiv derzeit das Viereck Hebestreit, Kresin, Okic und Müller harmoniert. Das unterstreichen auch 13 Treffer in den letzten drei Partien.
Trainer René Müller hat in diesen Spielen nicht nur eine Stammformation gefunden, sondern auch eine kluge taktische Variante für den Erfolg. Hebestreit aus dem Mittelfeld agieren zu lassen, diese Möglichkeit hätte vor einem Monat niemand in Erwägung gezogen. Sie bietet die Chance, dass der Torjäger nun auch seine Laufstärke unentwegt einbringen kann, während in der Spitze die Schnelligkeit von Müller deutlich zur Geltung kommt. Veränderungen, die anscheinend auch bei Okic für neue Lust gesorgt haben.
Das alles verheißt Hoffnung für die kommenden Wochen. Doch diese Mannschaft steckt noch in der Phase der Reife, was zugleich weitere Rückschläge nicht ausschließt. Doch unabhängig der nächsten Resultate scheint der FC Rot-Weiß in der aktuellen Zusammensetzung von Mannschaft, Trainer und Leitung auf dem besten Weg seit Jahren. Geduldig sein und manchmal Nachsicht üben, könnte deshalb vorerst das Motto im Umfeld sein.

09.11.2003 Von Gerald MÜLLER




 

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